Giftiges Kinderspielzeug – Wie viel Gift vertragen unsere Kinder?

geschrieben von Maria Herzger am 26. Oktober 2010
Kategorie: Business & Unternehmen, Gesundheit & Ernährung, Politik


glückliches Kind beim spielenKinder sind unsere Zukunft, sie sind sozusagen das Kapital jeder Gesellschaft und somit das Wichtigste überhaupt. In Deutschland nimmt der demografische Wandel unaufhaltsam seinen Lauf, die Geburtenrate sinkt kontinuierlich – Deutschland bildet das Schlusslicht in der EU-Statistik. Fortwährende negative Meldungen über Schadstoffbelastungen in Kinderspielsachen und zahlreichen Bedarfsgegenständen sind in unserem konsum- und profitorientierten Wirtschaftssystem praktisch an der Tagesordnung. Außer Warnungen in den Medien und vereinzelten Rückrufen belasteter Produkte, lassen wirklich greifende Maßnahmen nach wie vor auf sich warten. Diese alarmierende und nicht hinnehmbare Entwicklung lässt die berechtigte Frage aufkommen:

Welchen Stellenwert hat die Gesundheit der Kinder?

Bekanntlich ist jedem Bundesbürger per Grundgesetz die eigene körperliche Unversehrtheit rechtlich zugestanden. Die Praxis lehrt uns leider etwas anderes, denn die Zahl der durch Umwelteinflüsse erkrankter Menschen liegt auf steigendem Niveau. Kaum ein Kind, das heutzutage nicht an Allergien, chronischen Atemwegserkrankungen, Infektanfälligkeit oder Neurodermitis leidet. Bei ADHS ist eine drastische Zunahme zu verzeichnen und scheint sich zu einer Massenerkrankung zu entwickeln.

Lässt man die Pressemeldungen der Vergangenheit Revue passieren ist die besorgniserregende gesundheitliche Entwicklung unserer Kinder nicht verwunderlich. Unliebsame Ergebnisse brachten gerade die aktuellen Untersuchungen der Stiftung Warentest zutage. Von insgesamt 50 getesteten Kinderspielwaren, wurden 42 schadstoffbelastete, darunter viele Markenprodukte dingfest gemacht. Besonders bemängelt wurden Holzspielsachen aber auch Plüschtiere namhafter Hersteller, bei denen eine ganze Palette toxischer Chemikalien nachgewiesen wurden, u. a. Formaldehyd, Weichmacher, Flammschutzmittel, Nickel, PAK (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) und zinnorganische Verbindungen. Das Fatale ist, dass der kindliche Organismus höchst sensibel auf Schadstoffe reagiert. Demnach sind die Kleinen durch derart belastetes Kinderspielzeug erheblichen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Einige der festgestellten Schadstoffe stehen in Verdacht, Krebs zu erregen, die Zeugungsfähigkeit und das Erbgut zu schädigen. Sieben der untersuchten Spielsachen waren so schadstoffbelastet, dass sie hätten gar nicht verkauft werden dürfen.

Der Giftalarm nicht auf Kinderspielzeug beschränkt

chemische GiftstoffeUnsere Kinder werden heutzutage leider in vielen Lebensbereichen mit krankmachenden Schadstoffen konfrontiert und erheblichen Gesundheitsgefahren ausgesetzt. Öffentliche Aufklärung und behördlicher Gesundheitsschutz lassen sehr zu wünschen übrig. Das Umweltbundesamt – UBA in Berlin, spricht vielfach Warnungen aus, jedoch fehlt es letztendlich an notwendigen Handlungen seitens der Behörden und Entscheidungsträger, um ihrer öffentlichen Verantwortung gerecht zu werden.

Nachfolgend in groben Zügen dargestellte praxisbezogene Beispiele, wie ein möglicher „Schadstoff-Lebenslauf“ heutiger Kinder verlaufen könnte:

Bereits als Fötus gesundheitlich geschädigt

Weichmacher sind in unserem modernen Alltagsleben weit verbreitet und belasten in die Raumluft und unsere Nahrungsmittel. Gelangen diese nun in den Organismus von Schwangeren, kann die spätere Fortpflanzungsfähigkeit der Jungen dadurch bereits nachhaltig geschädigt werden.

Föten, die mit Organophosphat-Pestiziden konfrontiert wurden, sind Wissenschaftlern zu Folge im späteren Lebensverlauf einem erhöhten Risiko ausgesetzt an ADHS zu erkranken.

Als Baby hormonellwirkenden und hirnschädigenden Chemikalien ausgesetzt

Vielfach sind Babyschnuller und Babyflaschen mit der hormonell wirksamen Massenchemikalie Bisphenol A (BPA) belastet. Wissenschaftliche Studien belegen, dass die krankmachende Substanz durch Nuckeln am Schnuller wie auch beim Trinken in den Organismus der Babys gelangen und dort die Gehirnentwicklung schädigen kann. Bei Erwachsenen besteht das Gesundheitsrisiko an Leberschäden, Herz- und Kreislauferkrankungen zu erkranken. In vielen Ländern wurde BPA mittlerweile verboten, das BfR sieht hingegen keine Veranlassung, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

Giftige Kinderwagen – keine Seltenheit

Reine Chemikaliencocktails wies Ökotest bei der 2005 durchgeführten Untersuchung von Kinderwagenbezügen nach. Die Polster waren mit vielen giftigen Schadstoffen ausgerüstet, wie z. B. hormonellwirksame Phthalate (Weichmacher), DBT, phosphororganischen Verbindungen (Flammschutzmittel), giftige zinnorganische Verbindungen. Durch Einatmen oder Hautkontakt können möglicherweise schwerwiegende Gesundheitsstörungen verursacht werden.

Parfümierte Kinderpflege- und Haushaltsprodukte – Gesundheitsrisiken inbegriffen

Durch Allergie krankes und unglückliches KindViele Eltern sind unkenntlich darüber, dass synthetische Duftstoffe, hinter Nickel, Platz zwei der Rangliste der allergieauslösenden Stoffe einnehmen. Mediziner und das UBA warnen bereits seit Jahren vor der sorglosen Anwendung bedufteter Wasch- und Reinigungsmittel, Duftkerzen, Duftölen, Lufterfrischer, Polstersprays, WC-Steinen, Duftbäumchen im Auto etc. Duftstoffe können die Innenraumluft erheblich mit giftigen Schadstoffen belasten. Über Hautkontakt und die Atemwege gelangen die gesundheitsgefährdenden Substanzen in den menschlichen Organismus und breiten sich von dort im ganzen Körper aus. Dort angelangt können sie Entzündungsprozesse auslösen, die wiederum Allergien fördern bzw. verstärken können. Unter diesem Aspekt ist es für die Gesundheit von Babys und Kindern sicherlich nicht zuträglich, in mit Weichspüler gewaschenen Bettwäsche zu schlummern. Um die Gesundheit der Babys und Kinder zu schützen ist es ratsam, im häuslichen Gebrauch auf beduftete Produkte zu verzichten und konsequent auf unparfümierte Bedarfsgegenstände zu achten. Duftstoffallergien und Kontaktekzeme sind unheilbar, dieser Verantwortung gegenüber ihren Kindern sollten sich Eltern voll und ganz bewusst sein.

Dicke Luft in Kindergärten und Schulgebäuden

Giftiges Kinderspielzeug, mit Wohnraumgiften angereicherte Raumluft, schadstoffbelastete Nahrungsmittel sind lt. Meldungen vom BUND im Kindergartenalltag weit verbreitet. Um diese Missstände zu verändern, hat der BUND für Umwelt und Naturschutz im Sommer dieses Jahres die Kampagne „Kitas unter der Lupe: “Zukunft ohne Gift” gestartet. Pressemeldungen über Schimmelbefall, Asbestalarm, Belastung der Schulräume mit VOCs, PCB und Kontaminierung durch weitere Wohnraumgifte an Deutschlands Schulen, sind leider keine Seltenheit. Viele Lehrer und Schüler sind durch diese Umwelteinflüsse chronisch erkrankt und kämpfen um behördliche Anerkennung. Schadstoffbelastete Schulausrüstung stellt oft ein weiteres Mahnmal im Gesundheitslebenslauf vieler Kinder dar, denn viele Produkte sind reinste Chemiekeulen und können der Gesundheit der Kinder erheblich schaden.

Gesundheitsstörungen durch schadstoffbelastete Spielsachen

Im Sand spielendes KindSpielwaren sind häufig mit PAK (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe) kontaminiert, diese hochgiftigen Umweltschadstoffe sind beispielsweise in Fahrradgriffen, Fahrradhupen aber auch Gummireifen von Spielsachen und Griffen von Taschenlampen nachweisbar. PAK können durch Hautkontakt, ebenso über die Nahrungsaufnahme in den menschlichen Organismus gelangen und sich dort im Fettgewebe anreichern. Sie gelten als stark gesundheitsschädlich, schleimhautreizend, immun- und leberschädigend und können erbgutschädigende und krebserregende Wirkung entfalten. Nach wie vor gibt es in Deutschland keine gesetzlichen Grenzwerte für diese hochtoxischen Umweltgifte.

Textilien – Langzeitschäden durch Gift auf der Haut

Bekleidung ist vor der Flut giftiger Schadstoffe wie bspw. Pestiziden, Insektiziden, Blei, Cadmium, Chromverbindungen bei Lederwaren etc.,  nicht gefeit. Ob Babylätzchen oder Badeschuhe, Funktionsbekleidung, Schuhe, T-Shirts, Jacken, kaum ein Kleidungsstück, das bisher noch nicht durch Negativschlagzeilen auffiel. Aus Kostengründen lässt die Modebranche Textilien zunehmend in China, Indien und Schwellenländern fertigen, wo zahlreiche Chemikalien zum Einsatz kommen, die weder der Gesundheit der Arbeiter noch der des Endverbrauchers zuträglich sind, abgesehen von der maßlos stattfindenden Umweltverschmutzung. Viele der giftigen Industriechemikalien dienen dazu, um den von Verbrauchern gewünschten Tragekomfort zu gewährleisten oder die Ware beim Transport nach Europa vor Insekten- bzw. Schimmelbefall zu bewahren. Über die Hintertür werden somit Schadstoffe eingeführt, die bei uns schon lange Zeit verboten sind. Kontrollen werden nur stichpunktartig durchgeführt. Die Kinderhaut ist besonders empfindlich gegenüber giftigen Schadstoffen, die über die Haut, des Menschen größtes Organ, in den Organismus gelangen können. Neue Kleidung sollte vor dem ersten Tragen grundsätzlich gewaschen werden, am besten mehrfach. Mit dem Kaufentscheid für Bekleidung aus biologisch erzeugter und ökologisch weiterverarbeiteter Baumwolle, kann man vielen Gesundheitsrisiken entgehen und leistet nebenbei nachhaltigen Umweltschutz.

Gesundes Wohnen und Leben – meistens Fehlanzeige

Kinder brauchen SchutzÖkologisches Wohnen wird in Deutschland zumeist mit Energieeffizienz und Baumaterialien aus nachwachsenden Rohstoffen assoziiert, die Auswahl gesunder Baumaterialien findet jedoch kaum Beachtung. Sollte aber, denn das häusliche Umfeld  bietet oftmals ein breites Spektrum möglicher Schadstoffquellen. So können Bodenbeläge beispielsweise gesundheitsgefährdende Wohnraumgifte ausdünsten und die Raumluft erheblich damit belasten. Baubiologen weisen bei ihren Messungen bei PVC-Böden häufig Weichmacher, bei Laminat vielfach Formaldehyd und VOC (flüchtige organische Substanzen) nach. Wollteppiche sind überwiegend mit Insektiziden gegen Schädlingsbefall ausgerüstet, zumeist mit dem Pyrethroid Permethrin. Dabei handelt es sich um ein Nervengift, auf das Babys und Kleinkinder, die häufig auf dem Teppich spielen, besonders sensibel reagieren können. Möglicherweise vorhandene formaldehydbelastete Möbel, Vinyltapeten oder einfach nur bestimmte Lebensgewohnheiten, das eigene Konsumverhalten, leisten ebenfalls einen erheblichen Beitrag in der gesundheitlichen Negativbilanz der Kinder von heute. Für Neuanschaffungen und Renovierungen ist daher empfehlenswert, immer das gesundheits- und umweltverträglichste Produkt auszuwählen und sich ggf. ein aussagekräftiges Datenblatt anzufordern.

Das Dämmen unserer Wohnhäuser und die Dichtheit der Fenster verstärken die Flut der Wohnraumgifte zu einem Bumerangeffekt, weil kein natürlicher Luftaustausch mehr stattfindet, was dazu führt, dass viele giftige Chemikalien ihre Wirkung im eigenen Zuhause intensivieren können. Das UBA rät zu häufigem Lüften, um die Situation zu entschärfen.

Behördlicher Gesundheitsschutz völlig unzureichend

Das Fundament jeder Gesellschaft ist eine gesunde Bevölkerung, denn nur die kann auch tatsächlich leistungsfähig sein. Hingegen werden Kinder in der heutigen Zeit mit weitaus mehr Chemikalien belastet, als ihre kindliche Gesundheit verkraften kann. Die Konfrontation mit Umweltgiften zieht sich sozusagen wie ein roter Faden durch ihr Leben, wie auch durch das von Erwachsenen. Schadstoffe können irreparable gesundheitliche Langzeitschäden verursachen, Kinder sind in besonderem Maß davon betroffen. Greenpeace gibt zu bedenken, dass viele Chemikalien, die einst für Verbesserungen unseres Lebensstandards gedacht waren, ihren Nutzen durch drastische Negativwirkung auf Umwelt und Gesundheit, bei weitem übertreffen.

Viele Entscheidungsträger geben sich verhalten, industriefreundliche Entscheidungen sind weiterhin vorrangig vor einem dringend notwendigem realistischen Gesundheits- und Verbraucherschutz angesiedelt. Dieser Missstand hat weitreichende und besorgniserregende Konsequenzen für die Lebensqualität von uns allen. Vielfältige Langzeitschäden werden durch diese systematische Passivität in Kauf genommen, vielen Kindern demnach die Chance auf eine gesunde Entwicklung, gute schulische Leistungen und spätere berufliche Aufstiegsmöglichkeiten verwehrt. Die Unversehrtheit der Gesundheit steht uns allen per Grundgesetz rechtlich zu, doch das scheint nur auf dem Papier der Fall zu sein, die nackte Realität spricht eine andere Sprache.

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3 Kommentare zu “ Giftiges Kinderspielzeug – Wie viel Gift vertragen unsere Kinder? ”

  1. Energiefox sagt:

    Genau wie in diesem Bericht, so es ist erschreckend was in Deutschland auf dem Gebiet passiert bzw. was nicht passiert, nämlich der Schutz unserer Kinder bleibt völlig auf der Strecke.

    Ich sehe es bei meinem Neffen, der noch recht jung ist. “Red Bull”, das bestimmt nicht in Kinderhände gehört, nimmt er. Aber die ganze Aufmachung zielt meiner Meinung genau auf Kinder ab, die wollen cool sein und da hilft auch keine Belehrung, das Zeugs muss einfach her. Auch Parfum, es ist schon fast Pflicht, das Kinder es nehmen, um nicht aufzufallen.

    http://www.kinderaerzte-im-netz.de/bvkj/aktuelles1/show.php3?id=3715&nodeid=26

    Dabei sind viele krankmachende Chemikalien in dem Zeugs. Viele Erwachsene sind schon durch Parfum krank geworden bzw. haben derbe Probleme, denn überall wird mächtig mit Duftstoffen hantiert. Kaum Berichte über die Schädlichkeit von Parfum & Co.

    Der Bericht ist wirklich klasse und sehr informativ, ich hoffe viele lesen ihn.

    Gruß Fox

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